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„Kinder wollen die Welt begreifen“
Seit Dezember 2005 ist der Sender Baby TV für
1,1 Millionen Haushalte im Kabelnetz Baden-Württembergs frei
empfangbar. In seinem Ursprungsland Israel gehört Baby TV zu
den erfolgreichsten Pay-TV-Sendern. Das werbefreie 24-Stunden-Programm
ist speziell für Kleinkinder zwischen dem 0. und 3. Lebensjahr
konzipiert. Tagsüber will Baby TV Kinder und Eltern zu Aktivitäten
motivieren, nachts glaubt man mit ruhiger Musik und Farbflächen
den Schlaf der Kinder fördern zu können. SCHAU HIN! sprach
mit der renommierten Kinderfernsehexpertin Dr. Maya Götz, Leiterin
des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen
(IZI) in München, über Sinn und Wirkung von Fernsehsendungen
und die richtigen Fernsehregeln für kleine Kinder.
Frau Dr. Götz, seit Dezember letzten Jahres
gibt es in Deutschland den ersten 24-Stunden-Sender für Babys
und Kleinkinder. Was sagt die Expertin für Kinderfernsehen
dazu?
Dr. Götz: Von der Grundidee ist es ein Angebot
für Eltern, die ein altersgemäßes Fernsehangebot
für ihre Kinder suchen. In diesem Fall für sehr junge
Kinder. In seinem Ursprungsland Israel hat dieser Sender eine bestimmte
Funktion: In Israel gehören leider sehr erschreckende Bilder
über die Folgen von Terroranschlägen und Kampfhandlungen
zum Fernsehalltag. Hier ist es sinnvoll, sich einen Pay-TV-Kanal
zu leisten, auf dem keine blutenden Menschen zu sehen sind. Für
Israel kann ich noch verstehen, wenn Eltern für ihre Kinder
– nicht aber Babys – ein Programm wünschen, in
dem keine Schreckensnachrichten gezeigt werden.
Wie sieht es aber in Deutschland aus? Brauchen
kleine Kinder, wir sprechen ja von den Jüngsten, ihren eigenen
Sender?
Dr. Götz: So ein Sender ist vom Grundprinzip
her einfach nicht sinnvoll. Für Kinder unter einem Jahr sind
Fernsehbilder im Prinzip nur bunte Bilder, die vor sich hinflimmern.
Irgendwann zwischen dem ersten und zweiten Lebensjahr fangen Kinder
an, Sinn verstehend fernzusehen. Erst da beginnen sie, Teile der
Handlung nachzuvollziehen. Vorher ist es einfach bunt und laut.
Davon unabhängig ist Fernsehen in diesem Alter nicht das richtige
Medium: Kinder wollen die Welt im wahrsten Sinne des Wortes begreifen.
Das heißt, sie eignen sich die Welt an, indem sie anfassen,
probieren, in den Mund stecken. Sie versuchen herauszubekommen,
wie Dinge sind, wie sie schmecken, riechen und wie sie sich anfühlen.
Und genau das ermöglicht ihnen Fernsehen nicht.
Gucken Mütter denn wirklich schon mit
Babys fern? Oder sind Mütter kritisch, wenn es um den Medienkonsum
ihrer Kinder geht?
Dr. Götz: Mutter sein ist manchmal ein ganz
schön harter und auch einsamer Job. Und da ist fernsehen eine
Möglichkeit, sich zu informieren, mal wieder auf einem anderen
Niveau zu denken oder auch mal für einen Moment auszuspannen.
Insofern sehen auch Mütter in ihrem Alltag fern und eben nicht
nur immer dann, wenn der Nachwuchs schläft. Natürlich
wissen viele, dass es sinnvoll ist, möglichst lange mit dem
Fernsehen zu warten. Spätestens wenn ältere Geschwister
im Haus sind, sieht die Umsetzung in der Praxis oftmals anders aus.
Und so ist es kein Wunder, dass nach Aussage der ARD/ZDF-Kinderstudie
etwas über die Hälfte der Mütter von Zwei- bis Dreijährigen
angeben, ihr Kind sehe regelmäßig fern. Und die Dunkelziffer
ist vermutlich noch höher.
Wäre Baby TV wenigstens eine sinnvolle
Alternative zu anderen Programmen?
Dr. Götz: Also das Programm selbst ist in
Ordnung. Es ist aber auch nicht herausragend. Für unter Einjährige
ist das Programm nach meinen Erfahrungen eher uninteressant. Sicherlich
kann man das Programm schmackhaft machen, indem Eltern Kinder auf
den Inhalt hinweisen, ihn erklären und eine schöne Fernsehsituation
schaffen. Aber die Frage bleibt: Warum sollten sie das tun? Für
kleine Kinder unter einem Jahr ist Fernsehen überhaupt kein
Gewinn und auch bei Älteren ist dies nur sehr bedingt der Fall.
Hier sollten Eltern sehr genau abwägen.
Wo liegt denn das Problem mit Baby TV?
Dr. Götz: Baby TV ist insofern schwierig,
als es das Anfangsalter, mit dem Eltern sorglos ihre Kinder fernsehen
lassen, nach unten zieht. Und je später Familien das Fernsehen
im Kindesalter einführen, desto leichter wird es. Die Grundregel
gilt: In dem Augenblick, in dem das Kind den Fernseher entdeckt,
beginnt die Fernseherziehung. Das heißt zunächst vor
allem zu lernen, den Fernseher wieder auszuschalten! Mit einjährigen
Kindern kann ich aber nicht diskutieren. Ich kann nicht erklären:
„Du darfst jetzt eine Sendung sehen und dann schalten wir
wieder aus.“
Mit dem verbundenen Stress, Geschrei und Gestampfe
vor dem TV ...
Dr. Götz: Viele Babys krabbeln einfach erstmal
hin zum Fernseher und fassen auf den Bildschirm. Zum Anfang kann
man sie nur wegnehmen und den Fernseher sofort ausmachen. Wenn Eltern
nicht aufpassen, kommen wenig später laute Protestreaktionen.
Da hilft nur: stark bleiben und Fernseher aus. Auf das Verständnis
des Kleinkindes kann ich da nicht hoffen. Medienerziehung bedeutet,
den Kindern die Kompetenz zu vermitteln, mit der Faszination Fernsehen
umzugehen. Aber das werden sie keinem noch so intelligenten Einjährigen
erklären können. Bei Größeren gibt es bewährte
pädagogische Wege, z.B. „Such dir eine Sendung aus und
wir sehen sie uns gemeinsam an.“. Auch ein Gutscheinsystem
für Fernsehzeit hat sich bewährt. Schon Abmachungen wie
„Und nach der Sendung darfst du alleine den Fernseher ausschalten“
können das Fernsehen-Lernen leichter machen. Bei Kindern unter
zwei Jahren bleibt meist nur der Streit, den man auch gewinnen sollte.
Es ist wirklich wichtig, Zeiten einzuhalten, und zwar konsequent.
Nach 10 bis 20 Minuten ist Schluss. Und nicht jeden Tag den Fernseher
einschalten. Eltern müssen klare Regeln aufstellen, denn eins
ist klar: Fernsehen – vor allem über längere Zeit
– ist nicht das geeignete Medium für Kleinkinder.
Abends will Baby TV den Schlaf der Kinder fördern.
Wie sieht es mit der Einschlafhilfe Baby TV aus?
Dr. Götz: Die wird nicht funktionieren! Im
Prinzip produziert ein Durchschnittsfernsehgerät flimmernde
Lichter. Und genau die regen Kinder auf. Wenn ich das Einschlafen
fördern will, muss ich eine Situation wie im Mutterleib herstellen.
Es muss warm, kuschelig und dunkel sein. Visuelle Reize kennt das
Kind aus dem Mutterleib nicht. So gesehen ist dieses Programm wirklich
kontraproduktiv. Sicherlich gibt es auch in diesem Fall einen Weg,
Babys daran zu gewöhnen, bei laufendem Fernseher zu schlafen.
Aber dann habe ich hinterher ein ziemliches Problem. Was Kinder
vorm Einschlafen brauchen, sind Wärme und Zuspruch, dass Mama
und Papa da sind, eine Geschichte erzählen, ein Lied singen.
Kinder brauchen diese körperliche Nähe und nicht das Fernsehgerät
mit seinem kalten, flackernden Licht.
Das SCHAU HIN! Projektbüro dankt Frau
Dr. Götz für das Gespräch. Das Interview führte
Arno Dierks.
Zur Person: Dr. Maya Götz:
· Jahrgang: 1967
· Studium an der Pädagogischen Hochschule zu Kiel
· Promotion an der Gesamthochschule Kassel zu dem Thema:
"Fernsehen im Alltag von Mädchen: Facetten der Medienaneignung
in der weiblichen Adoleszenz"
· Seit 1999 wissenschaftliche Redakteurin im Internationalen
Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI),
dem sie seit 2003 als Leiterin vorsteht.
· Hauptarbeitsfeld ist die Forschung im Bereich "Kinder/Jugendliche
und Fernsehen"
· mehr unter http://www.maya-goetz.de
Über SCHAU HIN!
SCHAU HIN! ist eine Initiative des Bundesministeriums für
Familie, Senioren, Frauen und Jugend in Partnerschaft mit dem Telekommunikationsunternehmen
Arcor, den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ARD und
ZDF sowie der Programmzeitschrift TV Spielfilm. Die Kampagne informiert
Eltern und Erziehungsverantwortliche über elektronische Medienangebote
und deren Handhabung, verbunden mit gezielten Erziehungstipps für
die 3- bis 13-Jährigen - im Internet unter http://www.schau-hin.info.
 
Kontakt:
SCHAU HIN! Projektbüro
Frau Petra Piper
An der Alster 48
20099 Hamburg
Email: petra.piper@schau-hin.info
Tel.: 040-28 40 35-19
Fax: 040-28 40 35-98
Website: http://www.schau-hin.info

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